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Berlin 18:57 - Tehran 20:27 - Los Angeles 09:57 Samstag, 04.02.2012
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KOMMENTAR
Ein devotes Volk und sein Verlangen nach mir
Guten Tag,

wisst Ihr wer ich bin? Wahrscheinlich nicht; Ihr hattet nie die Gelegenheit mich kennen zu lernen. Hier und da habt Ihr von mir gehört und über mich gelesen. Wahrscheinlich habt Ihr den Eindruck, ich sei ein Phantom, das man nie fassen wird. Nun, das stimmt tatsächlich. Ich bewege mich lieber im Hintergrund und lasse andere für mich sprechen. So führe ich ein wirklich aufregendes Leben. Doch ich muss zugeben, dass Ihr mich mittlerweile richtig langweilt. Eure Einfältigkeit bereitet mir ernsthafte Sorgen. Deshalb möchte ich ab jetzt etwas mehr Spannung in unser mittlerweile sehr altes Katz-und-Maus-Spiel einbringen.

Ich dachte mir, dass ich Euch einen Schritt entgegenkomme und einen Denkanstoß gebe, der vielleicht helfen könnte, mich doch noch zu fangen. Allerdings müsst Ihr Euch auch anstrengen, denn ich bin Euch immer einen Schritt voraus. So leicht werdet Ihr mich nicht kriegen. Ich bin auch nicht scharf darauf festgenommen zu werden, denn früher oder später würdet Ihr mich ja doch töten.

Womit fangen wir an? Am besten mit meinen eigenen Schwächen. Ich bin ein Sadist. Nur dort, wo Leid und Elend herrscht, habe ich die Macht, Menschen zu kontrollieren. Denn nur dort werde ich vergöttert. So manch einer ist besessen von mir, doch werde ich oft auch verflucht. Vielen Menschen habe ich bereits das Leben genommen. Irgendwann habe ich aufgehört zu zählen - das Zählen der Leichen überlasse ich lieber Euch. Meine größten Rivalen gönnen mir die Macht nicht, die ich über Euch ausübe - sie wollen lieber selbst herrschen. Doch Vorsicht: Auch sie sind bereit Euch zu töten. Irgendwann wird all diese Gewalt vielleicht aufhören. Das liegt in Euren Händen. Doch noch schaut es so aus, als könnten wir wie bis jetzt weitermachen.

Jetzt aber zu Euch: Neuerdings habt Ihr damit begonnen, mich zur Zielscheibe zu erklären. Immer öfter taucht mein Name in Euren Parolen auf. Mut und Hingabe habt Ihr bewiesen, Respekt. Und dennoch, ich lache über Euch! Glaubt Ihr wirklich, dass Ihr mich mit diesen einfachen Mitteln ergreifen könnt? Mit einer schier unendlichen Masse habt Ihr Euch zuletzt auf die Straße begeben, um die ganze Welt zu beeindrucken. Und glaubt mir, hinter den Kulissen hat das für reichlich Nervosität und Angst gesorgt. Genau wegen dieser Angst, aus Furcht, dass Ihr Euch noch einmal guten Mutes, einig und zornig der Welt präsentiert, waren heute Tausende Wachhunde rund um das Parlament positioniert. Heute hätte Euer Tag werden können. Heute hättet Ihr den Grundstein für eine Zukunft legen können, in der Eure Kinder das erlebt hätten, was Euch stets verwehrt blieb!

Doch wo wart Ihr heute? Ich habe auf Euch gewartet. Die wenigen Mutigen unter Euch waren leichte Beute für mich, denn sie hatten keine Rückendeckung. Wo waren heute Alt und Jung, Mann und Frau, Kriegsgeschädigter und frommer Gläubiger? Wo waren heute - am Jahrestag Eures leidenschaftlichen Strebens nach der Herrschaft des Volkes - all die Studenten und Bürgerrechtler, die seit Jahren von der treibenden Kraft der Enghelabe Mashrouteh berichten?

Soll ich es Euch sagen? Begam? Sie waren in Bereitschaft. Ihr alle wart in Bereitschaft und habt nur auf einen Befehl gewartet. DU hast auf einen Befehl gewartet! . Millionen Menschen saßen heute angespannt zu Hause und haben darauf gewartet, dass ein einziger Mensch sagt: "Ok, jetzt!"

Und Ihr wärt alle rausgestürmt! Doch dieser Befehl kam nicht. Auf einen wie Mousavi, der ohnehin kein veritabler Rhetoriker ist und gerade für diese einfachen Worte gut zu gebrauchen wäre, habt Ihr gewartet. Doch dieser Mann, an dessen Worten das Schicksal von Millionen von Menschen - wenn nicht sogar der gesamten Welt - geknüpft ist, fragte:


"Was steht heute an Leute????"


Zugegeben, das hat mich auch irritiert. Der will doch wohl mein Schicksal nicht mit so einer Frage besiegeln oder? Vielleicht ist das eine neue ausgeklügelte Strategie, dachte ich mir zunächst. Ich begab mich in die Weiten der schönen neuen Welt und suchte gezielt eine digitale Adresse auf. Und tatsächlich, auf der Facebook-Seite von Mir Hossein Mousavi stand lediglich eine kurze, aber doch präzise formulierte Frage, verfasst von Mir Hossein persönlich:

برنامه بعد از ظهر و شب چیست؟

Haha, ich musste wirklich lachen. Ich lache über Euch. Ein devotes Volk, welches seit mehr als hundert Jahren damit begonnen hat, den unbedingten Willen zur Freiheit zu demonstrieren, wartet am Tag der Entscheidung auf die Worte eines völlig verpeilten Mir Hossein Mousavis.

Natürlich ist die Sache nicht ganz so einfach. Natürlich steckt der Mann in einem Dilemma: „Gehe ich es zu langsam und zwieherzig an, so werde ich immer nur aus der zweiten Reihe zusehen, wie man mir die Show stiehlt. Gebe ich aber zu heftig Gas, so stürzt das System. Dabei bin ich doch der rechtsmäßige Präsident dieses Systems. Was werde ich denn sein, wenn das Kartenhaus in sich zusammenfällt?“

Nun, dieser Mann hat Recht. Er hätte heute in jedem Fall verloren!

Doch was ist mit Euch? Hättet Ihr heute nicht etwas wertvolles zu gewinnen gehabt? Wie viele Generationen an Vätern und Müttern wollt Ihr noch hervorbringen, deren Kinder und Kindeskinder sich fragen werden, warum ihre Eltern so blind waren großen Versprechungen und lächelnden Führern zu folgen, die nur Scherben hinterlassen haben? Wie viele hoffnungslos depressive junge Menschen sollen sich noch als „verbrannte Generation“ bezeichnen, nur weil Ihr genauso wie Eure Mütter und Väter zwingend einem Führer folgen wollt? Wie viele Nedas und Sohrabs wollt Ihr noch opfern, um zu erkennen, dass Eure Führer mich nicht kriegen werden?!

Ich verachte Euch. Ich verachte Euch, denn Ihr treibt mich dazu, meine eigene Existenz anzuzweifeln! Ich verachte Euch, denn Eure wahren Führer habt Ihr verkannt: Es waren die Nedas und Sohrabs, die mich aufgesucht haben! Doch was ist mit Euch? Wie stark ist eigentlich Euer eigenes Verlangen nach mir? Guten Tag, mein Name ist Freiheit. Nun kennt Ihr meinen Preis.


Zur persischen Übersetzung bitte hier klicken...


Bahare & Pouya

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Veröffentlicht:
Samstag, 08.08.2009 , 01:17 Uhr
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