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Berlin 17:54 - Tehran 19:24 - Los Angeles 08:54 Samstag, 04.02.2012
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TAROF
Persisch ist meine Muttersprache - aber ich verstehe kein Wort!
img "Wenn Sie nächsten Freitag kommen würden, würde ich mich sehr freuen, Giti Khanum (Frau Giti)", sage ich mit freundlicher Stimme, obwohl ich innerlich vor Wut am platzen bin.

"Nächste Woche ist schlecht, da sind wir schon eingeladen", tönt es zuckersüß aus dem Hörer gerade heraus in mein genervtes Ohr. Gutgläubig - und der rhetorischen Feinheiten der persischen Konversation nicht wirklich habhaftig (sie waren mir einfach zu kompliziert) - schaue ich gehetzt in meinen Notizkalender, um einen anderen freien Tag für diese "Pflichtveranstaltung" zu suchen.

Warum ich mir das überhaupt antue, werde ich mich erst später fragen, doch die Antwort kenne ich schon: Ehre, Pflicht, das Wahren des Gesichtes. Es ziemt sich für eine Iranerin einfach nicht, der Pflicht auszuweichen, nur weil der potenzielle Gast mir nicht sonderlich wohl gesonnen ist und vor ein paar Monaten noch versucht hat, Unruhe in meiner Familie zu stiften, weil sie sich durch irgendein falsches Wort im falschen Moment beleidigt gefühlt hat und daraus eine unendliche Geschichte geflochten hat.

"Und am Samstag?", höre ich mich selbstverständlich fragen. "Wir würden uns sehr freuen, wenn Sie uns am Samstag zum Abendessen die Ehre Ihrer Anwesenheit erweisen würden." - und verdrehe dabei meine Augen über meine eigene, unerträgliche Verlogenheit.

Schon sehe ich in meinem geistigen Auge Großmutters Augenbraue zuckend hochgehen und ein vehementes "Naaa, Azizam..." (Nein, mein Liebling) sagen. "Yadet bashe, Mehmun habibe khodast!" ("Vergiss nicht, der Gast ist Gottes Liebling.") "Du musst Deine Pflicht erfüllen, egal, was vorgefallen ist. Sie sollen sehen, dass wir uns von soetwas nicht verändern lassen und Gesicht und Höflichkeit wahren, weil wir ehrenwerte Menschen sind."

Ich seufze. Hat Oma nun Recht oder nicht? Was ist wichtiger: Ehrlichkeit und Offenheit oder die Erfüllung traditioneller Pflichten? Während ich noch grübele, fällt mir ein, dass ich immer noch auf die Antwort Giti Khanum warte.

"Samstag? Hm. Das weiß ich noch gar nicht. Ich werde meinen Mann fragen, ob wir da nichts vorhaben, ich werde Sie anrufen und Bescheid geben."

"In Ordnung, so machen wir das.", antworte ich einverstanden, als hätten wir soeben eine verbindliche Vereinbarung getroffen. Und während ich tatsächlich über eine Woche auf ihren Anruf warte, "übersetzt" mir meine Oma in einem Gespräch ganz nebenbei, dass die Antwort, die ich am Telefon erhalten hatte, eigentlich eine klare Absage ist. Schockiert, aber doch nicht wirklich überrascht über meine Unfähigkeit, soetwas richtig zu deuten, stelle ich wie so oft fest, dass ich in einer rein iranischen Gesellschaft ohne "Übersetzer" vermutlich gegen sämtliche Wände laufen würde.

Wie kann es sein, dass persisch zwar meine Muttersprache ist, aber ich Vieles nicht verstehe? Ich habe keine Antwort darauf und zerstreue diese Frage recht schnell.

Zwei Wochen später. Das Telefon klingelt und ich werde - als Zeichen der Großzügigkeit von Giti Khanum - unschuldig, freundlich, selbstlos und herzlich eingeladen. Diese Einladung ist keineswegs eine freundliche Geste - habe ich gelernt - sondern dient eher dazu, mir zu zeigen, dass sie "nach allem, was ich ihr angetan habe", trotzdem ein so "großes und reines Herz" hat, dass sie mich einlädt. Würde ich hingehen, sie würde gerade mich besonders aufopferungsvoll bedienen und verwöhnen wollen und ihren Bekannten zuzwinkern, die sie raunend bewundern würden ob ihres reinen, guten Herzens, da sie alle schon von dem, "was ich ihr alles schon angetan habe", wüssten - wahrscheinlich in allen dramatischen, abenteuerlichen Ausführungen die es gibt. "Nein, danke!", denke ich. Oh nein, sage ich.

"Bitte?", fragt sie nach.
"Nein, danke.", wiederhole ich mich und versuche mich aus dem konventionell falschen Verhalten rauszumanövrieren. Mein Gehirn läuft auf Hochtouren, meine Wangen werden rot, ich überlege, wie ich das noch retten kann und was meine Oma wohl tun würde... Doch dann werde ich wütend und werfe das Handtuch.

"Ich möchte nicht kommen. Immerhin sind Sie auch nicht zu uns gekommen. Sie haben noch nicht einmal angerufen wie verabredet, um mir bescheid zu sagen, ob Sie nun kommen und wann Sie nun kommen. Ich mag keine Ungenauigkeiten. Ich finde klare Fragen und Antworten angenehmer. Und ich finde es viel besser, wenn wir uns streiten würden, anstatt uns freundlich anzulächeln und Tarofs (Höflichkeitsfloskeln) zu verteilen, aber trotzdem zu verachten. Wollen Sie denn wirklich, dass ich zu Ihnen komme?"

"Wie können Sie soetwas sagen? Was habe ich Ihnen denn getan, außer Ihnen Liebenswürdigkeit entgegen zu bringen? Ich lade Sie doch ein - aus tiefstem Herzen - natürlich möchte ich Sie hier haben, sonst würde ich Sie doch nicht einladen. Ich bin kein Tarof-Mensch, müssen Sie wissen."

Ich verdrehe die Augen. Ich glaube, sie hört das sogar, denn ich höre ihr Entsetzen. Ich atme tief durch und antworte mit ruhiger und nicht unfreundlicher Stimme:

"Ich komme nicht. Ich sage hiermit offiziell ab." - Ich höre meine Oma empört aufschreien "Azizam! Liebling! Sag' ihr wenigstens, Du seiest krank, Du hättest die Grippe, einen Unfall gehabt, einen Pickel oder sonst etwas, aber doch nicht die Wahrheit! Das gleicht einer Beleidigung!" Ich stottere innerlich, entscheide mich dennoch wieder für meinen Weg und füge hinzu:

"Ich sage ab, weil ich möchte, dass wir uns vorher einmal richtig aussprechen. Warum sollen wir einander etwas vormachen? Es sind doch gewisse Dinge zwischen uns passiert, jeder redet darüber! Wäre es nicht besser, einander irgendwann einzuladen, ohne mit den Zähnen zu knirschen?"

Sie stellt sich dumm: "Was soll denn zwischen uns passiert sein? Wer erzählt denn etwas? Ich hab' Sie sehr gern. Sehr, sehr gern und ich möchte, dass Sie uns die Ehre erweisen." Ich überlege kurz und entscheide mich bei der Sinnlosigkeit dieses Gesprächs einfach für Omas Version:

"Sie haben ja Recht, man sollte nicht jedem, der redet, glauben. Ich würde sehr gerne kommen, aber ehrlich gesagt, ich habe eine Magen-Darm-Grippe, die noch mindestens eine Woche ansteckend ist. Das möchte ich Ihnen und Ihren Gästen vorenthalten.", lächle ich gequält.

Mit dieser Lüge scheint mein Gegenüber nun endlich glücklich zu sein. Sie sagt, wie sehr sie das bedaure, wünscht mir gute Besserung und spricht ihre Hoffnung aus, mich bald - nach meiner Genesung - wiedersehen zu dürfen. Ich bestätige ihr, dass es so sein wird und verabschiede mich freundlich. Ich lege auf und merke, wie anstrengend und kräftezehrend dieses Gespräch für mich war. "Es ist zwecklos", denke ich. Ob es mir passt oder nicht, die persische Sprache allein reicht nicht aus, um all diese Feinheiten immer richtig zu verstehen. Vor allem die ältere Generation - die, in der all die alten gesellschaftlichen Konventionen fest verankert sind - gibt mir manchmal Rätsel auf.

Doch auch diese Generation ist es, die besonders liebenswert und weise ist. Die stolz und bescheiden zugleich sein kann. Die, die die besten und spannendsten Geschichten erzählt und uns mit ihren festen Wurzeln wieder zurückbringt. Vielleicht missverstehe ich Tarof - wie viele unserer jüngeren Generation auch - indem ich ihm einfach nur die Eigenschaft der Unehrlichkeit zuweise. Vielleicht ist Tarof aber viel mehr, vielleicht hat sie ihren Ursprung aus der edlen Absicht, auch seinen "Feinden" Respekt und Gastfreundschaft erweisen zu wollen, damit niemals alle Brücken zurück zu einem möglichen Frieden in Zukunft abgerissen werden. Vielleicht halten diese festen Konventionen Menschen zusammen, die im ersten Anflug von Wut und Hass, schon längst auseinandergerissen wären und nie wieder einen Weg zurück zueinander gefunden hätten, gäbe es da nicht Tarof. Vielleicht ist Tarof für eine so vielschichtige und vielseitige Gesellschaft wie die von Iran wichtig, um auf einer Ebene miteinander reden zu können, die uns verbietet, trotz so verschiedener Meinungen und Interessen, trotz des zu groß geratenen Stolzes und der Rechthaberei, Grenzen des Anstands zu wahren. Tarof ist viel mehr als eine Höflichkeitsfloskel. Richtig angewandt, rettet sie nicht nur das eigene Gesicht, sondern das Gesicht aller Beteiligten. Falsch angewandt, dient sie zur Unklarheit, Lüge, Verwirrung und noch mehr Abneigung.

Ich sehe meine Oma zufrieden nicken. "Diese Regeln sind wichtig, Azizam. Sie wahren das Gesicht, indem sie bewirken, dass wir nicht zuerst aus Wut und Hass handeln, sondern diese Gefühle unter der Höflichkeit brodeln lassen, bis sie durch unseren eigenen Anstand besänftigt werden. Diese Regeln sind wichtig, mein Liebling. Denn wir sind Iraner, musst Du wissen."


© INN

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Veröffentlicht:
Montag, 27.04.2009 , 00:39 Uhr
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